#CarpeCorona - Teil 1

Blog während Schließzeit - Kaminhalle

Wir schreiben den 30.03.2020, eine Azubine im ersten Lehrjahr meldet sich zu Dienst. Mein Name ist Yelena Glajcar und im September 2019 habe ich meine Ausbildung zur Hotelkauffrau im Hotel Prinz-Luitpold-Bad angefangen. Nach einer kurzen Schnupperzeit im Etagendienst, nahm mich das wunderbare Team der Rezeption in seine Obhut und so wurde ich Teil des Familienunternehmens, welches das Allgäu mit Blick auf Bad Oberdorf, beziehungsweise Bad Hindelang rockt – bis, nun bis Corona die Welt verstummen ließ.

Wenn ich nun mit dem Fahrrad durch den Ort fahre winkt mir der Eisladen mit dem besten Zartbitter-Schokoladeneis nur verschlafen zu und der Buchladen, welcher zum endlosen Schmökern einlädt, hat sich in der „unendlichen Geschichte“ verlesen. Nur unser fleißiger Bäcker knetet sich die Finger wund und übt den Weitwurf um 1,5m Abstand zu seinen Kunden einhalten zu können.

Insgesamt befindet sich der Urlaubsort also in den Ferien.

Oder?

Nicht ganz, denn kurz vor dem Jochpass biege ich rechts ein und mein Fahrrad rollt meinem Hotel entgegen. Ehrlich gesagt, bin ich heute auch das erste Mal seit einigen Wochen wieder hier, gemeinsam mit dem Corona-Wahnsinn hat nämlich auch mein Urlaub begonnen. Als ich nun Nachricht erhalten habe, mit dem entsprechenden Dienstplan, war ich doch eher überrascht. Denn seien wir mal ehrlich, was macht eine Rezeptions-Dame, wenn keine Gäste zum Willkommenheißen, Händeschütteln (nun natürlich ein großes No-No) und freundlich anlächeln da sind?
Nichtsdestotrotz stehe ich nun hier und stemme die erste Schwingtür auf. Hinter der zweiten liegt der lange Gang zu den Zimmern. Eigentlich ist er hell erleuchtet und einladend – ich wende mich nach rechts. Unser Kaminzimmer hat sich unter vielen Decken und Bezügen vor dem Staub verkrochen. Ich drehe mich zur Rezeption – gut, leer ist die auch wenn man zu normalen Tagen Frühdienst ab 6:30 Uhr hat…
Als ich meine Jacke ablege, kommt meine Kollegin, welche mir heute kurz zeigt, was so zu tun ist. Ehrlicherweise nicht viel, hauptsächlich verschiebe ich die geplanten Aufenthalte der Gäste in den hinteren Teil des Jahres und wasche mir regelmäßig die Hände. Allerdings habe ich stets erwartet, dass ein leeres Hotel totenstill sei. Dies ist jedoch absolut nicht der Fall. In meiner Pause gehe ich auf Erkundungstour und finde Erstaunliches vor:

Ende März bis Anfang April waren ohnehin schon einige Renovierungsarbeiten angedacht. Daher stand Bauarbeiter bereit das Haus in einem neuen Glanz erscheinen zu lassen. CODVID-19 kam also gerade dann um die Ecke, als unsere Hausmeister neues Holz für die Textil-Sauna eingekauften, die Etagendamen die Staubsauger bereitstellten und die ersten alten Fließen von den Badezimmerwänden geklopft wurden. Durch die Reiseeinschränkung, welche nun in Bayern herrscht, sind den fleißigen Händen ein bisschen Zeit geschenkt worden, die nun genutzt wird. Die neuen Bäder sind nämlich nur der Anfang…

Auch ist unser Festsaal die sogenannte „Hofjagdstube“ für die nächste Sommerhochzeit, den kommenden runden Geburtstag oder das ersehnte Wiedersehen nach wochenlanger Quarantäne bei einem kalten Gläschen Wein, von Herrn Gross selbst gezogen, gelesen und gekeller-meistert, neu herausgeputzt.

Genauso wie Corona unserem Alltag einen neuen Anstrich verpasst hat, wird das nun auch unseren Hochparterre-Zimmern teilweise zugemutet.

Hinter dem Haus, wo vorher die alten Garagen waren, ist nun ein großes Loch, welches jedoch mehr als gefüllt wird mit einer brandheißen neuen Heizung sowie einer Werkstatt für Hausmeister.

Und der krönende Abschluss meiner Lobpreisung ist mit Abstand unsere neue Textil-Sauna. Hier bin fast aus den Birkenstocks gekippt. Liebevoll habe ich sie nun schon das „Holz-Iglu“ getauft, denn genau das ist es. Auch für den Sternenhimmel, welcher ja normalerweise nach draußen lockt, ist hier gesorgt, da irgendjemand die fantastische Idee hatte Lichterketten mit einzubauen, somit wird man mich nach der Schließzeit wohl eher dort vorfinden – natürlich wie immer im Dirndl!

Wie Sie also sehen können, nutzen wir die Zeit wirklich auf allen Ebenen! Während sich Deutschland im zehn-Minuten-Takt die Hände desinfiziert, tun wir dies natürlich genauso gründlich, doch nutzen wir die neun Minuten dazwischen auch alles andere auf den Kopf zu stellen und frischen Wind reinzulassen.

Daher letzter Appell des Tages: Machen Sie brav Home-Office zwischen Balkonien und Netflix & Chilli, damit Sie im Sommer wieder bei uns morgens im Panorama-Pool planschen, mittags Gipfelstürmer mit entsprechender Käseplatte und abends Regenten-Besucher im „Holz-Iglu“ sein können.

Bis dahin achten Sie bitte auf sich. Bleiben Sie gesund!
Auf das wir uns ganz bald wieder freudig strahlend Hände schütteln können…

Yelena Glajcar
Rezeption
Auszubildende

Top