Man nehme 50 Gramm Frühlingsgefühl … Teil 6

Etwas hat sich verändert. Oder, habe ich mich verändert?
Ich weiß es nicht, nur hat dieser Frühling neue Farben, Geräusche, selbst Gerüche aufgelegt. Das Hotel schaut melancholisch über das Tal hinweg in die Ferne und ich telefoniere jeden Tag mit Gästen, welche eigentlich das Jahreserwachen bei uns mitbekommen wollten, nun jedoch eher das sommerliche „Hitzefrei“ erleben werden. Nachdem die Sperre aller gastronomischer Betriebe vom 19. April auf voraussichtlich Anfang Mai verschoben wurde, merke ich, wie eine gewisse Verunsicherung und seltsame Antriebslosigkeit meinerseits sich zwischen die Ordner der Buchungen einnistet.

Die Vorbereitungen, welche das schnelle Wiederkommen der Gäste ermöglichen sollen, laufen bereits auf Hochtouren, soweit ich das immer wieder mitbekomme. Auch möchte ich hier kurz anmerken, dass ich bereits vorgesorgt und mir mehrere Mundschutze – unter anderem in stilechten, bayrisch-blau-weißen Karos – genäht habe. Allerdings habe ich nun das starke Verlangen diesen asiatisch angehauchten Style mit der Welt zu teilen und – bei aller Ehrlichkeit – Herr Gross allein ist mir und meinem Ego einfach nicht genug Anerkennung.

Naja, genug davon, kommen wir zu den Breaking News:

Heute hat dank den anderen Auszubildenden Sandra, Tamara und Marina „das große Backen“ in unser Haus gefunden. Käse-, Karotten-, Apfelkuchen, Pflaumenstreusel und Schoko-Brownie. Alles was das Herz begehrt, verbreitet einen Duft, den ich am Liebsten mit Ihnen teilen möchte  – doch leider wurde das 4-D-Internet noch nicht erfunden, daher müssen Sie mir einfach glauben, wenn ich Ihnen voller Freude nun verkünde: Wir haben momentan zwar kein Full-House, allerdings aber einen Full-Backofen!

Warum wir jetzt schon wieder Kuchen backen, fragen Sie? Nun, wer in der Gastronomie tätig ist, lernt eine Sache gleich zu Beginn: In der Zukunft, spielt die Musik. Das Essen kann noch so lecker, die Zimmer noch so gemütlich, der Wellness-Bereich eine noch so schöne Aussicht haben – wenn der Gast zu lange auf den Teller wartet, das Bett ungerichtet vorfindet und den Weg in den Wellness-Bereich erst fünfmal erfragen muss, führt das nicht unbedingt zu Urlaubs-Gefühlen.

Daher bereiten wir uns hier auf jede zukünftig kommende Situation vor – ob es nun ein Ansturm an Tagesurlaubern aus der Umgebung ist, die (wenn auch nur) auf ein kaltes Glas Bier in unserem Biergarten vorbeischauen oder für ein gemütliches Kaffeekränzchen – auf Abstand – mit dem weltbesten Kuchen der anderen fleißigen Auszubildenden.

Sonst ist das Dampfbad, welches ich zu Beginn des Blogs angesprochen hatte, jetzt neu verkleidet und das neue Metalldach strahlt in der Sonne mit einem stolzen Herrn Gross um die Wette. Auch sehen die neuen Bäder wunderbar und fast ganz fertig aus und die von mir liebevoll zum „Holz-Iglu“ ernannte Textil-Sauna erwartet die letzten Handgriffe unserer Wunder-Hausmeister.

Ich und der Telefonhörer sind zu echten Tratsch-Tanten geworden und wenn mich E-Mails erreichen, die meine kleinen Texte hier erwähnen, krieg ich mich nicht mehr ein vor stolzem Grinsen – vielen lieben Dank, an dieser Stelle!

Aber darf ich nochmal ehrlich zu Ihnen sein? Manchmal habe ich das Gefühl, gute Gedanken, Vorsätze und Aufmunterungen lassen sich besser zu Blatt bringen, als sie stets selbst vor Augen zu haben. Die Situation, in welche die Corona-Krise uns nun alle gebracht hat, ist verwirrend und sehr neu. Während Angst und Verunsicherung die Menschheit normalerweise immer näher zusammenbringt, ist dies nun möglichst zu vermeiden und ich verbringe Abende mit Freunden am Telefon, die zwei Straßen weiter genauso gelangweilt aus dem Fenster schauen wie ich. Theoretisch könnten wir zwei Blechdosen und eine Schnurr nutzen, so wenig räumlicher Abstand trennt uns.

Gleichzeitig sieht man nun aber auch, wieviel engagierte Kreative es gibt. So werden Konzerte nun von leeren Hallen in volle Wohnzimmer gestreamt. Museen stellen über Plattformen wie „Zoom“ und Facebook-Videochats aus und Poeten des Poetry Slams organisieren Live-Streams auf „Instagram“, um weiterhin den möglichst nahen Kontakt zum Publikum zu bewahren.

Wie Sie bereits merken, bin ich etwas zwiegespalten. Einerseits lockt jeder Tag dem Frühling schönste Sonnenstrahlen heraus – und alles zwitschert und pfeift, andererseits erreicht das ungewisse Gefühl auch meinen Optimismus – der kommende Berufsschulen-Block wird entfallen und niemand wird merken, wie fleißig ich doch meine Spanisch-Vokabeln gelernt habe …

Ich hoffe Sie erkennen den leichten Witz, mir ist durchaus bewusst, dass Menschen momentan weit größere Probleme haben. Ich schätze Sie auch, daher entlasse ich Sie nun aus meinem Gedanken-Karussell. Ich hoffe es hat Sie ein wenig aus dem Isolations-Trott geschubst.

Aus einem Schub von Sentimentalität winke ich Ihnen vom höchsten Balkon unseres Hauses und wünsche alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen aus Bad Hindelang
Yelena Glajcar
Auszubildende

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