Nicht unsere erste Krise - Teil 2

Historisch

Willkommen zurück liebe Leserin, lieber Leser.
Heute habe ich etwas fast so Feines, wie den Zander in Bierteig gebacken mit cremigem Limetten-Reis, welchen es am Tag vor der Hotelschließung gab. Ich habe nämlich meine gute, alte Sherlock-Holmes-Kappe rausgekramt und meine Nase in unsere Hauschronik gesteckt.
Heraus gekommen ist … eine ganz private Zeitreise nur für Sie und mich!

Also lehnen Sie sich zurück und machen Sie sich bereit auf eine wundersame Erkundungstour, fern von Corona und alltäglichen Sorgen.

Wie Sie bestimmt schon wissen, hat unser Haus eine lange Geschichte mit vielen verschieden Regenten, Besitzern und Gästen hinter sich. Schon lange vor den nun Trampolin-springenden Söhnen von Armin Gross, kaufte sein Großvater und Senior-Senior-Besitzer des Hotels Alois Gross, während dessen Vater und Senior-Senior-Senior-Besitzer Andreas Gross auf Geschäftsreise war, in geheimen Aktionen Pferde oder fuhr schöne Frauen über den See, welcher nun von unserem Panorama-Pool ersetzt wurde.

Aber das ist noch lange nicht alles… Schon bevor das Haus mit Mineralquelle in den Besitz der Familie Gross gelangt ist, gingen hier Menschen ein und aus und erfreuten sich der, zu Beginn zugegeben noch recht spartanischen, Kulinarik und Bäderkur des Hauses. 1864 wurde nämlich das erste Badehaus an der Schwefelquelle, welche sich im Hang des Hotels versteckt, erbaut. Da die Nachfrage sehr groß war, kam 1872 ein Speisesaal und Verpflegung in Form von Kaffee mit Brot, Honig und Butter hinzu. Über die Gründerfamilie Stich wurde das Haus der Familie Schmid vererbt, dann an Ehepaar Müller verkauft, 1903 an Familie Holl übergeben und schlussendlich am 11. Mai 1923, für zehn Millionen Mark an Andreas Gross verkauft. Das klingt im ersten Moment nach einer Menge Geld, allerdings wissen wir ja dank des guten Geschichtsunterrichtes, den wir alle genossen haben, dass diese Zeit von Inflation beherrscht wurde und der Tageslohn eines gelernten Arbeiters kurze Zeit später bis zu drei Billionen Mark betrug.

Nach der Überwindung der Inflation traten Andreas und Maria Gross jedoch voller Elan und Unternehmer-Lust die Neuerfindung des Hauses an. Frau Gross kaufte Antiquitätsläden leer, um das Haus authentisch einrichten zu können und Herr Gross erweiterte es um vier weitere Zimmer und eine Zentralheizung. Bald schon zeigte sich, dass die Investitionen sich mehr als gelohnt hatten, die Anzahl abgegebener Bäder explodierte vom Jahr 1924 an. So genossen schon 1938, 1012 glückliche „Relaxer“ unser allbekanntes Moorbad und 612 die beliebte Moorpackung.

Leider wurde auch die Idylle des Allgäus nicht von den Nazis verschont und so wurde unteranderem der Jochpass für kurze Zeit zum „Adolf-Hitler-Pass“ umgetauft, in Sonthofen ein nationalsozialistisches Schulungszentrum eröffnet und auch die Söhne des Hauses mussten in den verpflichteten Wehrdienst.

Als dann der Krieg wirklich begann, war das Hotel innerhalb von zwei Tagen leer, da alle Gäste natürlich überstürzt abgereist sind.

Ob es damals auch einen einsamen Azubi gab, welcher Eindrücke des leeren Hauses logbuchartig festhielt und sie dann in die Welt verschickte? Vielleicht, dann aber wohl per Brieftaube…

1942 wurde das Haus in ein Lazarett für Kriegsverwundete umgewandelt und umbenannt zum „Reserve-Lazarett Luitpoldbad“. Bis dahin war der Krieg allerdings nur etwas, was von weiter Ferne drohte, bis der Bruder von Alois in Frankreich fiel. Er selbst entging dem Einmarsch nach Russland durch das Gesetz des letzten Sohns.
Im Jahr 1945 kam das Elend nochmals nahe, sodass Alois keinen anderen Weg sah sich vor einem Wiedereinsatz zu schützen, als die alte Kriegsverwundung, welche ihn davor nach Hause gebracht hatte, wieder aufzureißen. Später bei der Befragung, durchgeführt von den Alliierten, rettete ihn genau diese schlimme Narbe vor der Kriegsgefangenschaft und er konnte überglücklich zu Fuß den Heimweg antreten.

Nun fand der Krieg zum Glück sein Ende, jedoch konnte Familie Gross noch immer nicht das normale Hotelgewerbe wieder aufnehmen, da nach der Freigebung des Hauses durch die Amerikaner im Jahr 1946, der bayerische Staat eine Lungenheilstätte für die Landesversicherung Schwaben darin einrichtete.
Wegen dieser unbegründeten Enteignung trat die Familie daraufhin vor Gericht. Das lange Verfahren ließ Andreas Gross stark darunter leiden sein Lebenswerk nicht fortsetzen zu können. Am 1. Mai 1948 verstarb er und konnte somit das Urteil zur Wiedergabe an Familie Gross im Jahre 1949 nicht mehr miterleben.

Alois Gross zog sich daraufhin die Wanderschuhe des Tatendrangs über und nutze das Nachkriegs-Wirtschaftswunder, um das Hotel auf den neusten Stand zu bringen. 1950 zählte die Mitarbeiterliste schon wieder 42 Namen, 1953 erweiterte man das Anwendungsangebot um eine Aerosolstation und 1954 wurde das erste Public-Viewing in der Bierstube zur Fußballweltmeisterschaft unter so vielen Rauchern gefeiert, dass die hinteren Reihen wahrscheinlich mehr vom Bier als dem Sport mitbekamen…

Und nun sind wir nach vielen Hochs und Tiefs trotzdem noch hier und ich nippe Kaffee im Sonnenschein. Sie sehen, was ich mit dieser Zeitreise also versuche zu beweisen?
Wir bleiben optimistisch!
Wir bleiben Ihnen treu!
Wir bleiben hier.
Egal wie verzwickt die Situation bis jetzt war, wir haben schon vieles überwunden.

Hier, nehmen Sie ein Betthupferl (für alle die noch nicht bei uns waren, das ist die leckere Schokolade die unsere Gäste an der Rezeption stets erwartet), ein Stückchen meines Vertrauens und einen guten Klecks Desinfektionsgel.

Auf das alles gut geht und bis zum nächsten Mal!
Ihre Yelena Glajcar
Rezeption
Auszubildende

 

Quelle: „Geschichte und Geschichten rund ums Prinz-Luitpold-Bad“, Buch erhältlich im Haus

Andreas Gross beim Bau der Zufahrtstraße zum Hotel
Ein altes Bild von unserem Hotel vor es erweitert wurde
Unsere Kaminhalle vor der Renovierung in den 90ern
Unsere ehemaliger Panorama-Ruheraum mit traumhaftem Bergblick
Zwei Wannen in unserem ehemaligen Raum für Schwefelbäder. Dazu kommen noch heute die Bewohner von Hindelang in unser Hotel
Skispringer aus Hindelang mit Hotel im Hintergrund
Altes Bild mit Bewohnern vom Hotel und Hindelang mit Wünschelrute
Ehemaliger Gymnastikraum mit Damen, die Sport machen
Altes Bild eines Hotelzimmers mit grünem Vorhand und blauen Stuhl
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